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Oliver Oestreich

Gefahrgutlogistik ist eine Frage von Kompetenz und Vertrauen. Oliver Oestreich im Interview.

Schon seit 2003 ist Oliver Oestreich Mitglied der Geschäftsleitung der Leschaco Gruppe. Er verantwortet dort als Chief Operating Officer (COO) das weltweite Speditionsgeschäft in der Seefracht, die Umsätze in den Branchen Chemie und Automotive und ist für Qualitätsmanagement, Umwelt, Compliance und Sicherheit verantwortlich. Die Herausforderungen der Gefahrgutlogistik, ihre Entwicklung in den vergangenen zwanzig Jahren, aber auch die aktuellen Trends kennt er wie nur wenige in der internationalen Logistik-Branche. Im April 2024 wird er sich nach einem langen Berufsleben in den Ruhestand begeben. Seinen Nachfolger Nils Fahrenholz bereitet er bereits seit mehreren Monaten auf die neuen Aufgaben vor. Für den Gefahrgut-Logistik-Blog hat sich Oliver Oestreich die Zeit genommen ausführlich mit Michael Kausch über die aktuellen Herausforderungen in der Gefahrgutlogistik und in den wichtigsten Märkten zu sprechen.

Der Anteil der Gefahrgüter am gesamten Transportvolumen wächst seit Jahren und wird weiter wachsen.

Michael Kausch

Herr Oestreich, wie ist die Stimmung in der chemischen Industrie und damit im Markt für Gefahrgutlogistik? Ich habe das Gefühl, es gibt derzeit zwei gegensätzliche Trends: Einerseits gibt es ein Aufatmen, weil die Corona-Pandemie endlich vorbei ist. Die Abriegelung der Märkte, die Überforderung der Märkte während der Pandemie hat den Transport von Chemikalien und anderen gefährlichen Gütern erheblich behindert und damit das quantitative Wachstum des Gefahrgutlogistikmarktes ausgebremst. Dieser Effekt konnte die gleichzeitige Nachfragesteigerung aus dem Pharmasektor während COVID-19 kaum ausgleichen. Die Pandemie scheint nun vorbei. Auf der anderen Seite behindern der Krieg in der Ukraine, die deutlich gestiegenen Energiekosten und die konjunkturellen Defizite das Wachstum der chemischen Industrie und damit das Wachstum der Gefahrgutlogistik. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?

Oliver Oestreich

Kurzfristig leidet die Chemie sowohl unter den Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine als auch unter den exorbitant hohen Energiekosten. Beides hat natürlich miteinander zu tun. Die chemische Industrie ist ja sehr energieintensiv, in Deutschland die zweitenergieintensivste Industrie. Wir erleben auch eine gewisse Angespanntheit in der Chemie durch die großen Herausforderungen, die mit der Digitalisierung verbunden sind. Bei der Chemie 4.0 geht es um viele Dinge, wie die Decarbonisierung, Ressourceneffizienz, zirkulares Wirtschaften, Reststoffbeseitigung und um vieles mehr. Das alles führt dazu, dass sich die meisten Bereiche der chemischen Industrie in den letzten beiden Jahren schwächer entwickelt haben, als wir dies erwartet haben, und zwar auf fast allen großen globalen Märkten.

Michael Kausch

Trotzdem haben Sie sich bei Leschaco ehrgeizige Ziele gesetzt. Gibt es Hoffnung auf eine Trendwende?

Oliver Oestreich

Insgesamt sind wir weiterhin sehr zuversichtlich, dass sich in den kommenden Jahren der Markt für die Gefahrgutlogistik erheblich besser entwickeln wird, als der Durchschnitt der Wirtschaft. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen.

Auch wenn wir heute die Grenzen einer übertriebenen Globalisierung erfahren, lässt sich das Rad ja nicht zurückdrehen. Die Grundlage unseres Wohlstands ist eine funktionierende Weltwirtschaft und ein fairer Welthandel. Dabei müssen wir mit der Logistik effizienter und ressourcenschonender werden. Die Schifffahrtslogistik ist da anderen Transportwegen vielfach voraus.

Der Anteil der Gefahrgüter am gesamten Transportvolumen wächst seit Jahren und wird weiter wachsen. Etwa zwei Drittel der Spediteure, die Gefahrgut transportieren, befördern auch brennbare Erdölflüssigkeiten; darunter Kerosin, Benzin, Flüssiggas, Naphtha usw. Und das Transportvolumen brennbarer Flüssigkeiten wird nach übereinstimmender Erwartung aller Marktanalysten in den kommenden Jahren weiter zunehmen.

Michael Kausch

Ich dachte, wir erleben gerade eine Abkehr vom Erdöl?

Oliver Oestreich

Gerade weil wir immer weniger Erdöl verheizen und in unseren Autos verbrennen, nimmt die intelligente Nutzung solcher Rohstoffe und der Transport von Zwischenprodukten in Chemie und Pharma zu.

Ein weit überdurchschnittliches Wachstum erfährt der Markt der Gefahrgutlogistik aber durch die wachsenden Anforderungen aus dem Bereich der Batterie-Logistik. Der Markt für Lithium-Batterien wird den Erwartungen der Analysten zufolge von 48,6 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 bis zum Jahr 2031 weltweit auf 135,1 Milliarden US-Dollar anwachsen. Dies entspricht einem jährlichen Wachstum von 13,1 Prozent. Die Elektrifizierung der Automobilindustrie ist hier der stärkste Wachstumstreiber.

Die Marktforscher von SPER erwarten übrigens jährliche Wachstumsraten im Bereich der Gefahrgutlogistik von durchschnittlich 7,25 Prozent bis 2032 für den Weltmarkt. Bis dahin soll der Gesamtmarkt auf 431,92 Milliarden US-Dollar wachsen. Für uns sind das hervorragende Aussichten.

Michael Kausch

Leschaco ist ein weltweit tätiges Unternehmen. Sie selbst verstehen sich ja immer als hanseatisches Familienunternehmen aus Bremen mit globalem Anspruch. Wo findet dieses Wachstum vor allem statt? An der Weser oder am Gelben Fluss?

Oliver Oestreich

Weltweit ändern sich hier die Märkte derzeit deutlich. Ein starkes Wachstum konnten in den vergangenen Jahren die BRICS-Länder erwirtschaften, also Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. China ist heute schon mit Abstand der größte Chemieproduzent der Welt. Im Jahr 2021 lag der Marktanteil Chinas an der weltweiten chemischen Produktion bei 43 Prozent. Die meisten Analysten erwarten, dass China diesen Anteil in etwa wird halten können. Die Rolle Russlands muss vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine kritisch hinterfragt werden. Südamerika, Indien und Südafrika, aber auch die kleineren südasiatischen Staaten, wachsen aber rasant. Das ist auch der Grund, warum Leschaco in diesen Regionen sein Engagement seit Jahren deutlich ausbaut. Wir sind da gut dabei.

Europa bleibt aber natürlich für uns ein spannender Markt. Und in Deutschland, unserem Heimatmarkt, sind wir im hochwertigen Gefahrgutmarkt ausgezeichnet aufgestellt. Hier werden auch die chemische und Pharma-Industrie weiterhin stark sein. Die deutsche Chemie-Industrie ist nach den USA, China und Japan die viertgrößte weltweit und die größte innerhalb Europas. Deutschland ist das exportstärkste Land im Chemiebereich. Der Schwerpunkt liegt in Deutschland auf Pharma und innovativen Fein- und Spezialchemikalien, was uns als Gefahrgut-Experten sehr entgegenkommt. Der deutsche Markt für Gefahrgutlogistik macht allein fast ein Fünftel des europäischen Gesamtmarktes aus.

Der Markt für Spezialchemie ist im Umbruch

Michael Kausch

Mit BASF, Evonik, Helm, Degussa, Lanxess, Wacker Chemie und Altana kommen einige der großen Spezialchemie-Unternehmen aus Deutschland. Hier geht es zum Beispiel um Hersteller von Feinchemikalien, Pflanzenschutz, also „grüne Chemie“, Farben und Lacke, intelligente Oberflächen, neue Werkstoffe, Batterietechnik und um Vorprodukte für die Pharma-Branche. In den letzten Jahren befindet sich dieser Markt in einem heftigen Umbruch. Es gibt Unternehmen, die schnell wachsen, andere fusionieren. Die Digitalisierung, aber auch der Innovationsdruck, scheinen in der Spezialchemie ständig das Ranking der globalen Player durcheinanderzuwirbeln. Ein Markt im Umbruch. Hat das Auswirkungen für Leschaco?

Oliver Oestreich

Natürlich. Leschaco arbeitet seit Jahrzehnten mit den großen Chemie-Unternehmen zusammen. Wir kennen diesen Markt beinahe so gut wie diese Firmen selbst. Gerade die Spezialchemie-Branche ist durch einen extremen Wettbewerbs-, Kosten- und Innovationsdruck gekennzeichnet. Die Innovationszyklen werden immer kürzer, und gleichzeitig werden die gesetzlichen Vorgaben immer strikter. Diese Vorgaben beziehen sich eigentlich immer auf die Sicherheit: die Sicherheit für die Beschäftigten in der Produktion, die Sicherheit der Anwender, aber auch auf die Sicherheit für die Umwelt. Dabei geht es im Kern immer um eine korrekte Kennzeichnung der Rohstoffe und der fertigen chemischen Erzeugnisse.

Unsere speziell für unsere Chemie-Kunden entwickelten Supply-Chain-Lösungen zeichnen sich deshalb nicht allein durch Schnelligkeit aus, sondern immer auch durch höchste Zuverlässigkeit und Flexibilität. Unsere Chemie-Teams kennen die spezifischen Anforderungen der Branche und des Marktes. Sie koordinieren die Services und sind direkte Ansprechpartner für unsere Kunden. Zu unseren Leistungen für Kunden aus der Spezialchemie gehören unter anderem temperaturgeführte Transportmittel, temperierte Lagerflächen, Gefahrguttransporte per Luft, Wasser und Land und selbstverständlich die weltweite Zollabwicklung und -dokumentation. Eine genaue und zuverlässige Dokumentation ist gerade für die Chemie-Unternehmen lebenswichtig.

Michael Kausch

Das bringt uns auf das Thema Regulierung. Ehe ich Leschaco kennenlernen durfte, dachte ich ja immer, dass Logistik vor allem mit Bewegung zu tun hat. In Wirklichkeit besteht Logistik, so habe ich jedenfalls den Eindruck, vor allem aus LESEN. Und die wichtigste Abteilung – ohne, dass ich jetzt jemanden bei Leschaco zu nahetreten möchte – ist das Archiv für Gesetze und Verordnungen. Denn eigentlich besteht die Kunst der Gefahrgutlogistik vor allen Dingen im Wissen um Regeln und Vorgaben.

Oliver Oestreich

Da ist etwas Wahres dran. Gefahrgutlogistik ist heute national und international aus gutem Grund extrem stark reguliert. Wir navigieren unsere Container durch einen dichten Dschungel an Gesetzen und Verordnungen. Und das ist auch gut so. Diese Regelungen dienen die Sicherheit von Mensch und Natur. Für Nicht-Fachleute ist dieser Dschungel aber kaum zu durchschauen. Da bedarf es ausgewiesener Experten mit internationaler Expertise und langjähriger Erfahrung. Wir bei Leschaco haben uns auf das heikle Thema Gefahrgutlogistik spezialisiert. Wir verfügen über das notwendige Know-how.

Oliver Oestreich, COO der Leschaco Gruppe: "Gefahrgut-Logistik ist heute national und international aus gutem Grund extrem stark reguliert."

Zwei Dinge machen uns heute zu einem der international anerkannten Experten für sichere Gefahrgutlogistik:

Zum einen verfügen wir über die notwendigen Technologien für den sicheren Transport gefährlicher Güter. So haben wir heute bei Leschaco modernste Logistik-Software im Einsatz, mit der wir und unsere Kunden in Echtzeit den Standort und Zustand jedes Containers nachverfolgen können. Mit Logward haben wir schon 2018 eine Tochterfirma gegründet, in der wir die Branchenerfahrung aus der Logistik mit IT-Expertise verknüpfen und modernste Supply-Chain-Lösungen für die komplette Logistiklieferkette entwickeln und vermarkten. Und gemeinsam mit Partnern arbeiten wir an spannenden Projekten im Bereich intelligente Schiffscontainer. Da wird es in den nächsten Jahren interessante neue Produkte geben, die die Gefahrgutlogistik wieder einen Schritt sicherer machen werden.

Und zum Zweiten verfügen wir über hervorragende Kontakte zu den zuständigen Behörden und arbeiten aktiv mit nationalen und internationalen Verbänden zusammen. Das heißt, wir haben Experten an Bord – unsere „Schriftgelehrten“ – die wirklich alle internationalen und nationalen Vorgaben und Regelungen kennen, die es in der Gefahrgutlogistik einzuhalten gilt. Und weil das so ist, besitzen wir auch das Vertrauen der zuständigen Behörden und alle notwendigen Zulassungen und Zertifizierungen, die den reibungslosen und grenzüberschreitenden Transport der uns anvertrauten Güter gewährleisten.

Alle diese Dinge haben wir uns in langjähriger Erfahrung mit dem Transport gefährlicher Stoffe erworben.

Michael Kausch

Sie sprechen von besonderen Zulassungen und Zertifikaten. Meinen Sie damit die ISO-Zertifikate, die Sie auf Ihrer Website vorstellen?

Oliver Oestreich

Nein. Das ist eine andere Baustelle, wenn ich das einmal salopp ausdrücken darf. Hier geht es um Zertifikate, die wir als langjährige zuverlässige Partner von Behörden und Verbänden erhalten haben, und die uns – und damit unseren Kunden – das Leben erheblich vereinfachen.

Ein Beispiel ist das im Englischen Authorized Economic Operator (AEO) genannte Zertifikat der World Customs Organisation. Es dokumentiert, dass Leschaco ebenso wie unser Tochterunternehmen Anker Schifffahrtsgesellschaft, als sogenannter „Zugelassener Wirtschaftsbeteiligter (ZWB) besonders zuverlässig und vertrauenswürdig ist. Dadurch werden uns bestimmte Sicherheitserleichterungen gewährt, und wir bekommen manche Güter schneller durch den Zoll, als andere Logistikunternehmen.

Ein anderes Beispiel ist das C-TPAT-Zertifikat der US-Zollbehörden. C-TPAT steht dabei für „Customs-Trade Partnership Against Terrorism“. Es bescheinigt uns, dass wir bestimmte Dinge tun, um die USA vor terroristischen Angriffen in internationalen Lieferketten zu schützen. Auch dies erleichtert und beschleunigt Logistikprozesse zu unserem und dem Vorteil unserer Kunden. Hierfür müssen wir zum Beispiel laufend die Einhaltung nationaler und internationaler Sanktionslisten und Embargo-Verordnungen überprüfen. Hier übernehmen wir für unsere Kunden ein großes Stück Verantwortung.

Gefahrgutlogistik ist eine Sache des Vertrauens

Michael Kausch

Aber da geht es doch nicht wirklich um Gefahrgutlogistik, sondern …

Oliver Oestreich

Schon richtig, aber für einen Anbieter im Bereich Gefahrgutlogistik sind solche Zertifikate besonders wichtig. Das sind Auszeichnungen, die das Vertrauen der Behörden in das Unternehmen Leschaco ausdrücken. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Wenn diese staatlichen Stellen uns bescheinigen, dass Leschaco ein vertrauenswürdiges Logistik-Unternehmen ist, bei dem Sie sicher sein können, dass die von uns transportierten Güter nicht in falsche Hände geraten, dann sind auch Gefahrgüter bei uns in guten Händen. Gefahrgutlogistik ist Vertrauenssache. Darum geht es letztlich!

In Teil II des Gesprächs mit Oliver Oestreich geht es u.a. um Wissensmanagement, Batterielogistik und den Zukunftsmarkt Abfalllogistik. 

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